das interview

Wie und wann sind sie auf die Idee gekommen das Label »abteilung : k« zu gründen?

C.K.: Sie werden lachen, nach einem Opernbesuch. Ich weiß nicht mehr, welche Oper es war, das ist in diesem Zusammenhang auch ganz unwichtig. Meine Frau, Layla Shah, Muse und Model von »abteilung : k«, hatte ihre Masektomie hinter sich und war mittlerweile auf »Chemo«, also ohne ein Haar auf dem Kopf. Ich mache es kurz, Layla sah hinreißend aus, sie hatte sich in ein Kleid geworfen, das ihre Asymmetrie allenfalls ahnen ließ. Eine Perücke zu tragen, auch wenn die Krankenkasse die Anschaffung bezuschußt hätte, wäre ihr im Traum nicht eingefallen. Wir waren nach der Pause auf dem Weg zurück in den Saal, als ich eine Gruppe von drei alten Schachteln sah, die sich mit Ellbogen gegenseitig anstießen und dann mit Fingern auf meine Frau zeigten. Das wiederholte sich beim Warten an der Garderobe nach Schluß der Vorstellung. Da wurde mir klar, ich muß etwas machen, nur was, wußte ich noch nicht. Wütend, wie ich war, hätte ich eher ans Amoklaufen gedacht – keine gute Idee – als an die Gründung eines Modelabels.

Es gibt viele andere Möglichkeiten, auf ein solches Ereignis zu reagieren, als mit einem Modelabel.

C.K.: Ich hätte natürlich an bisherige Arbeiten anknüpfen und Bilder malen können, die die Zumutung der Natur, jemanden und dazu noch die eigene Frau mit dieser Krankheit zu verletzen, bloßstellte. Viel kam zusammen, was dagegen sprach: Das Mißtrauen in die Möglichkeit, mit Provokation, sei sie ästhetisch oder gedanklich, etwas zu bewirken. Dann die Beschäftigung mit Mode, die vor allem durch das Studium meiner Tochter ausgelöst wurde. Mir dämmerte inzwischen, warum Mode sich zum eigenständigen Medium entwickelt hat und zum Teil in ihrem Bezug zur Realität die bildende Kunst überflügelt.

Wie zu allen Zeiten gibt es auch heute Leitkünste. Gestern war das die Architektur, das Musiktheater, die Photographie und das Kino, heute ist es die Mode – Mode natürlich in einem viel weiteren Sinn als dem saisonbedingten Wechsel der Silhouette. Mode als Prinzip wird angetrieben von der ökonomischen Notwendigkeit, eine Nachfrage auf Märkten zu erzeugen, die sonst durch ihre Saturierung in Stagnation verfallen würden. Als solche ist Mode mittlerweile allgegenwärtig: in der Architektur, in der Bildenden Kunst, in der Autoindustrie, bei den Möbeln sowieso. Auch der Kunstmarkt wäre längst erledigt, gäbe es nicht als Überlebenselexier die Moden. Was lag also näher als ein Modeprojekt?
Bei Krebs geht es, auch wenn in manchen Bereichen glücklicherweise Behandlungserfolge zu verzeichnen sind, um Leben und Tod. Sind in dieser Lage Kleidung und Mode nicht herzlich unwichtig?

C.K.: Gerade dieser Widerspruch hat uns gereizt. Jede Kunst siedelt bei Eros und Tod, und Sehnsüchte wie Ängste, die damit verbunden sind, finden, wenn auch meist kaschiert, in der Art sich zu kleiden ihren Ausdruck. Vom jeweiligen ästhetischen Ideal einer Epoche sind die meisten Menschen auch ohne Krankheit so weit entfernt, daß sie korrigierende Hilfen glauben wahrnehmen zu müssen, ob oberhalb der Haut mittels Kleidung und Kosmetik, oder unterhalb mittels Chirurgie. Wie weit wir dabei gehen, hängt vom Leidensdruck ab, den unsere Unvollkommenheit erzeugt. Das Thema hat Bedeutung weit über unseren Ausgangspunkt Brustkrebs hinaus. Es geht um nichts weniger als die materielle Gewalt, die von einem so poetischen Begriff wie Schönheit ausgehen kann. Viele Frauen haben das Gefühl, Schönheit sei ihr wichtigstes Kapital, und wenn das abhanden kommt, droht die Insolvenz. Ein amputierter Mann ist ein Held, eine amputierte Frau nicht einmal mehr eine Frau.

L.K. : Die britische Journalistin Dina Rabinowitch hat über ihren Brustkrebs ganz lakonisch geschrieben: »Man nennt es einen Mode-Krebs. Doch niemand fühlt sich von der grundlegenden Frage herausgefordert, was trägt man danach.« Dieses Danach interessiert uns. Ist es nicht entwürdigend, sich zu verstecken, angestarrt zu werden, vielleicht sich selbst nicht mehr zu mögen, wenn man vorgaukelt, man sei normal, und in Wirklichkeit schleppt man ein Ersatzteil mit sich herum oder läßt sich auf eine Rekonstruktion ein, die nicht mehr als ein gefühlloses Stück Fleisch ist. Das klingt ernster als das, was wir mit unserer Mode machen. Man kann da über manches auch lachen, manches ist natürlich provokativ, aber das liegt nicht an den Kleidern, das liegt am Blick auf sie. Mal abgesehen davon, daß viele unserer Kleider auch von Nicht-Amazonen getragen werden können.

Kommen wir zu den Kleidern. Manche unterstreichen die Einbrüstigkeit, bei anderen fällt sie kaum auf oder verbirgt sich sogar unter der ganz eigenständigen, man kann auch sagen: eigenartigen Gestalt. Haben wir es mit Kleidern oder Kunst zu tun?

L.K.: Das wechselt, und ist auch übrigens für viele Label ganz normal. Dort gibt es Kleider, die treten nur als Attraktion für die Berichterstattung auf und werden danach nie wieder gesehen, geschweige denn, sie finden den Weg in die Geschäfte. Ich würde die Linie etwas anders ziehen, zwischen Tragbarkeit und Ausdruck. Es gibt richtige Themenkleider und Kleider, die Amazonen einfach tragen können, in denen sie sich wohl- und attraktiv fühlen, ohne einen Auftritt als Plakatsäule für politische Statements. Wir finden beides legitim. Wir wollen ja auch nicht behaupten, wer eine Ersatzteil trägt, sei feige und dumm. Was für eine Anmaßung wäre das. Trotzdem wollen wir eine Alternative zur Behauptung, Asymmetrie sei ein Makel. Wer sich stark fühlt, kann sogar über Malessen lachen, oder wie uns eine Frau kürzlich sagte: »Die weibliche Brust ist weitgehend überschätzt.«

C.K.: Ob etwas Kunst ist oder nicht? Dahinter steht meistens die Frage: Dürfen die das? Kunst gibt einen Freibrief. Wir schließen Kunst nicht aus. Wir schließen aber auch Alltagstauglichkeit nicht aus. Und natürlich polemisieren wir gegen publizistische Herrenmenschen, wenn sie schreiben: »Gemein, aber genetisch: Schöne haben besseren Sex.« Und weiter: »Die Symmetrie eines Körpers und Gesichts zeigt an, wie gesund und stabil ein Organismus ist. Asymmetrien deuten auf Entwicklungsstörungen und Krankheiten hin … es ist offenbar so, daß symmetrische Menschen auch angenehmer riechen.« Das haben Evolutionsbiologen herausgefunden und das wird gern veröffentlicht. Wir halten es lieber mit der Moderne und der Attraktivität von Gedachtem und der Asymmetrie.

Glaubt ihr, eure Mode hat auf dem Markt eine Chance?

C.K. + L.K.: Nächste Frage!

Anders gefragt: Wer wird die Mode von abteilung : k tragen?

L.K.: Zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung kämen dafür in Frage, denn so viele müssen sich mit diesem Thema auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht. Ob aber diese Marktlücke, zynisch gesprochen, von der reproduktionsmedizinischen Industrie besetzt wird, oder ob die durch einen aufgeklärten Umgang mit diesem Problem überflüssig wird, da wäre ich doch skeptisch. Ich stelle mir Frauen in Modellen von abteilung : k vor, denen die Lust an sich selbst auch nach dieser Krankheit nicht abhanden gekommen ist. Die lieber provozieren, als sich wegzuducken, und die mit ihrem Auftreten anderen Mut machen möchten. Und die ganz einfach Mode nicht als Zwang empfinden sondern als Spaß.

C.K.: Ich denke darüber nicht nach. Täte ich es, wäre es zu dieser Unternehmung vielleicht nicht erst gekommen. Ich will weg von den üblichen Betroffenheitsgesten und Wohltätigkeitsaktivitäten, deren Nützlichkeit ich keinesfalls leugne, die aber immer mit einen Herabbeugen der Gesunden und Erfolgreichen zu den Kranken und Benachteiligten verbunden sind, und hin zur Frage: Wem nützt eigentlich so ein repressives Schönheitsideal? Und ist es nicht Zeit, selbst die Definitionshoheit von Schönheit und Attraktivität zu ergreifen? Dann werden Frauen abteilung : k tragen oder sonst etwas in diesem Sinne Schönes.

Die Fragen stellte Claus Mewes, Direktor des Kunsthaus Hamburg